Als ich ohne zu läuten in der Region Baselland in eine mir bereits bestens bekannte Arztpraxis eintrete, merke ich postwendend, dass dieses Mal etwas anders ist. „Mist, hier stimmt doch etwas nicht?“, schlussfolgere ich seltsam irritiert. Dann atme ich aber wieder auf, da mir klar wird, dass mein dauerhaft überaktiviertes Nervensystem lediglich registriert hat, dass die Türe zum Wartezimmer, die normalerweise offensteht und dadurch zusätzliches Licht in die Räumlichkeiten hineinfliessen lässt, heute verschlossen ist. Da ich nichts Organisatorisches erledigen und keine MPA behelligen muss (man kennt und registriert mich automatisch, wenn ich „Grüessech“ sage), öffne ich die Wartezimmertüre. Was hätte ich mit meinem viel zu frühen Erscheinen denn auch anders tun sollen?
Auf dem Sofa flätzen zwei kleinere Kinder chüschelnd und gugelnd hinter einem Handy. Nachdem sie kurz zusammengezuckt sind, weil das plötzliche Türeöffnen sie erschreckt hat, stehen beide artig auf und das etwas ältere Mädchen bietet mir höflich an, ich solle es mir doch auf der Couch bequem machen. „Oh, gute Etikette“, denke ich kurz, bevor ich dankend ablehne mit der Begründung, ich sähe hier mehr als genügend Stühle und ein ebensolcher reiche mir fürs Warten völlig aus. Die beiden lehnen sich in die Sofakissen zurück und gucken erneut gebannt auf den Bildschirm vor ihnen. Hin und wieder spienzlen sie aber interessiert zu mir herüber. Hinter ihren gekrausten Stirnen ganz offensichtlich die Frage: „Und wer bitteschön bist denn du?“ Als das Mädchen findet, dass die Stille im Raum jetzt schon ein Weilchen zu lange andauert, beginnt es einen Schwatz mit mir:
„Wie haissisch du?“
„Ig? Ig bi dr Stefan, aber mä seit mir ou Stuwi.“
„Waaas? Naaai, Stuwi? Waa isch denn daa luschtigs?“
„Und dir zwöi? Wie heisset de dir?“
„Aso ich, ich bin d Carolina. Und das do, das isch min Brüeder, dä Joël. Wo wohnsch du?“
„Ds Grosshöchstette, ir Neechi vo Bärn. Kennet dr Bärn oder sit dr scho mau dert gsii?“
„Nai, dä Joël und ich kennes nöd. Aber ds Mami u de Bapi, die ganz sichar. Isch da e schöni Stadt?“
„Mä seits. D Geböide si us fiinem, häugrauem Sandstei, äs het Loubene, das si so…“ will ich schon zu erklären beginnen, als mich Carolina gespannt anguckt und rausplatzt mit: „Und mier, mier wohne im Fall ds Mörschwil.“
„Aha, okay“ mache ich interessiert und frage wegen ihrem offensichtlichen Slang nach dem genaueren Standort ihres Dorfes in der Ostschweiz.
„Da liit hinder St. Galle. Kennsch St. Galle?“
„Ja, ja. Bi aber ersch einisch i mim Läbe dört gsii. Guet kennis aso nid.“
„Ebe“, führt Carolina jetzt eifrig aus, „dur St. Galle fohrsch ersch emol dure und bliibsch no a chli uf dr Hauptstross. Denn chunnt nach lengerer Zyyt en Chraisel. Derte gosch links. In Mörschwil selber muesch no ainisch churz links. Ähm, dennä graduus, graduus“, Carolina schliesst die Augen, konzentriert sich und macht mit der Hand Richtungsanweisen, „und dennä bir nöchschte Ample gohsch rechts und scho bisch bi öis.“
„Läck, du kennsch dä Wäg ja scho hennä guet“, antworte ich. „De heit dr aber bis hie häre ä unä längi Areis gha u heit äuä am Morge dementsprächend früech us de Fädere müesse, nid?“
Carolina steht jetzt, ihr Wollschaf-Stofftier fest unter ihren rechten Arm geklemmt, auf und setzt sich auf einen Stuhl neben mich, legt ihren Kopf auf das Knie des Beines, welches sie auf dem Stuhl angewinkelt hat, seufzt gedehnt und sagt: „Hämmer müesse, joo. Aber miar macht da überhaupt nüüt uus. Ds Mami sait au geng, ich segi sowieso jedä Tag choge früech wach.“
Kurz bringe ich sämtliche mir zur Verfügung stehende Empathie für die beiden armen Elternteile dieser beiden Knudis auf und danke dem Himmel, dass mich die Frühaufsteherzeit, die ich mit den eigenen Kindern auch erleben durfte, in diesem Leben in dieser Form nicht mehr tangieren wird.
Ich frage weiter: „U itze? Itz isch nech sicher moore längwilig, oder nid?“
„Joooh“, sagt Carolina gespielt genervt, „scho! Immer müend mr warte. Warte, warte, warte! Aber waisch, dä Bapi het uu fescht Long-Covid und das hie isch dr ainzig Arzt, wo druuschunnt und ihm wenigschtens e chlii cha helfä. Ds Mami isch übrigens au grad bim Bapi, de cha sie nemlech au mitlose, was de Doktr hütt mäint.»
Kaum hat Carolina ihren Vater erwähnt, beginnt Joël auf der Couch bitterlich zu weinen. Zielsicher navigiert er sich auf dem Handy zur Galeriefunktion, swipt zwei drei Mal hin und her und hätte gerne, dass sich seine Schwester wieder zu ihm setzt und mithilft die angeklickten Fotos anzugucken («Carolina…, Carolina, chum emol hie ane und lug emol, hesch di naia Bilder vom Bapi au scho gseh? Sniff, Sniff»). Carolina verdreht ihre Augen und meint in erklärend-entschuldigendem Tonfall zu mir: «Waisch, de Joël, de mues aifach immer soo schnell afa brüele», bevor sie sich zu ihrem Bruder umdreht und ihn, sehr erwachsen aber auch leicht gereizt, mit: «Joël! Joël, denk jetzt a öppis Schöös. Du muesch a öppis Schöös denka, da hilft. Ganz sichar!» zu stabilisieren versucht. Da dieser aber nun vor lauter seine Eltern vermissen in eine ernsthafte Verzweiflungsspirale zu geraten droht, biete ich den beiden an, in der Praxis ihre Mutter suchen zu gehen. Die MPA, der ich die Lage im Wartezimmer kurz darlege, erkennt die Not des Jungen und führt die Kinder – «chömet, chömet, dier zwäi» – zügig ins Behandlungszimmer des Arztes.
Ich selbst kehre ins Wartezimmer zurück, zücke die Tageszeitung, die ich mir für den längeren Anfahrtsweg gegönnt habe aus dem Rucksack und will soeben einen Kommentar zur 10-Millionen-Initiative lesen, als Carolina alleine ins Wartezimmer zurückkehrt, mich mit «do bini widr» anlacht, sich beim Sofa auf den Bauch wirft sowie ihr Stoffschaf auf den eigenen Rücken legt, den Kopf zur Seite dreht und dann in bester Reporterinnenmanier das vorher begonnene Interview wieder aufnimmt:
«Was isch dini Lieblingsforb?“
„Grüen. Scho immer gsii. U zwar i sämtleche Variatione. Dini?“
„Mmmh, mengmol Violett, …denn sichar Blau…und Rot, Rot isch doch au meega schöö. Aso, i wür scho sega Violett.“
„Gseht mä, du hesch ja ou rächt viu violetti Chleider anne.“
„Gell! Und was isch dini Lieblingszahl?“
„Acht.“
„Echt. Da seget im Fall u vili. Acht isch mega, mega beliebt.“
„Würklech wahr? Spannend. U dini?“
Carolina schnippisch: „Root emol.“
„Uff, schwierig, grösser aus zäh?“
„Scho.“
„De sägeni mau 17?“
„Nöööch. Aber nai, die isches nöd.“
„De isch äs sicher ds 13ni?“
„Fascht.“
„14?“
„Jo, genau! Chasch ächt emol uf zäh zelä?“
„Okay, machi gärn“, antworte ich und gebe mir im Anschluss Mühe, mein breitestes Berndeutsch hervorzukramen: „Eeis, zwööi, drüü, viieer, füüf, säächs, siiebe, aacht, nüün, zääh.“
Carolina schüttelt belustigt den Kopf und ich sage: „Jitz aber du ou!“
Carolina beginnt eifrig: „Aaiis, zwaai, drüü, viärr, fooif, seechs“, bevor sie sich spontan dazu entscheidet, die letzten vier Zahlen künstlich und mit jeweils ansteigender Stimme in die Länge zu ziehen, „siiiiiieeeeeebääääää, aaaaaaaaaacht, nüüüüüüüüüüü, zeeeeeeeeeeeh“, was ihr schlussendlich einen Lachkrampf beschert. Da ich ihr grandioses Schauspiel ebenfalls sehr lustig finde, lache ich laut mit.
Plötzlich wird sie aber wieder ganz ernst und fragt: „Stefan, rauchsch du?“
„Nä-ä“ (besser ich verschweige ihr an dieser Stelle den etwas komplizierten Terminus „Gelegenheitsraucher“).
„Und was isch denn dini liebschti Serie?“
„Aso, du meinsch im Färnseh, oder?“
„Jo, sichar.“
„Ig ha kenä.“
„Waaaas?“
„Mou. Ig ha dheime ke Flimmerchaschte. Bruuchi nid. Das chliine Grätli hie“, ich zeige mit einem Finger auf das Handy in meiner Hosentasche, „isch scho müesam gnue.“
„Naaai!“, sagt Carolina noch einmal ehrlich erstaunt. „Was machsch du denn die gaaanzi Zyyt, wenn du nid emol chasch Fernseh luage?“
„Meischtens läse.“
„Ah, so. Jo denn. Wettsch rote, wie alt ich bin?“
„Mmmh, das isch itz no schwierig. Vor Grössi här hätti di äuä öppis um di nüünehaubi, villicht sogar um di zähni gschetzt?“
„Naaai“, Carolina verwirft theatralisch die Hände, „sicher nöd. Ich muen dir abr äu sege, dass ich für mis Alter würkli sehr, sehr gross bin.“
„Aha. De säg doch mau, wi aut du itzä bisch.“
„Villicht hilfts, wenn de rotisch i weli Klass ich gang.“
«Mit chli meh aus nüüni wärsch ir dritte Klass. Oder bisch ächt sogar scho ir Vierte?“
„Naaai! Zwaiti Klass isch richtig, Stefan. Ich bin di Gröscht ir Klass, waisch.“
„Ou ja, we du erscht ir Zwöite bisch, de bisch tatsächlech e Grossi!“
Carolina setzt sich jetzt auf, streckt, als müsste sie das Gesagte auch noch veranschaulichen, ihre Arme über ihrem Kopf aus und strahlt über das ganze Gesicht. Dann fährt sie fort und meint: „Ich mache i de Pausene meh mit de Giele. Waisch, mit de Maitli isch es mengisch aifach e chli kompliziart“, nur um im unmittelbar danachfolgenden Satz gleich ausführlich von ihren drei besten Freundinnen, der Mia, der Elina und der Sophia zu erzählen und wie choge eng sie mit diesen sei, da alle drei in ihrer Nachbarschaft wohnten. Danach will sie wissen, ob ich nicht etwa auch eine Mia, eine Elina oder eine Sophia kenne? Ich verneine, sage, dass ich da leider nicht mithalten könne und weise Carolina darauf hin, dass ich eben schon ein wenig älter sei als sie und dass man in meiner Jugend halt oft noch ganz andere Namen verwendet habe, als heutzutage. Ich hätte aber sehr wohl eine Sophie gekannt und ich wisse auch, dass meine eigene Tochter im Nachbarsdorf eine Elina kenne.
Da bricht Carolina ganz plötzlich den Rhythmus des Gesprächs, indem sie sich steckengerade aufsetzt, sich erschrocken die Hand vor den Mund hält und mich fragt: „Stefan, störts dich aigentli, dass ich sooo viel Froge stell?“
Ich antworte knapp: „Nä-ä, wieso meinsch?“
„Min Bapi sait miar drum immer, ich segi so en chaibe Gwundernase. D Lüt heget das nöd so gern, wenn ich so viil fröög und fröög und fröög und fröög.“
Ich beruhige sie und sage ihr, dass mir das gerade nichts ausmache. Ganz der Lehrer, der ich mal gewesen bin, erkläre ich ihr zudem, es sei doch allemal gescheiter, wenn man mal eine Frage zu viel stelle, als eine zu wenig. Das zeige doch, dass man an den Dingen in dieser Welt oder an seinem Gegenüber interessiert sei.
„Findsch da würk?“, fragt mich Carolina kritisch.
„Ja, scho“, antworte ich, „mou, vo däm bini eigentlech scho no überzügt.“
„Da isch denn supr!“, findet Carolina.
Dann geht es sofort weiter mit einem längeren Erzählblock ihrerseits. Ich erfahre, wie gross das Haus ist, in welchem sie mit ihrer Familie lebt (mit Keller 4-stöckig, „Waaas? Du hesch kai aigets Huus? Was genau isch en Wohnig?“), lerne ausführlich ihre letzten crazy Abenteuer aus ihren (Alb-)Träumen kennen (zum Beispiel von einem Hai gefressen zu werden) oder kriege Einblick in die sozialen Dynamiken der Jugendriege, in welcher sie seit dem vergangenen Jahr aktiv ist. Während dem gekonnten Schildern und Ausschmücken von Erlebtem, verändert Carolina im Minutentakt ihre Liege- oder Sitzposition auf dem Sofa. Mal hockt sie mit zwei angewinkelten Beinen, die sie mit ihren beiden Armen umfasst, auf der äussersten Kante des Sofas. Dann legt sie sich auf den Rücken, um mir zu zeigen, wie schön sie eine Kerze hinkriegt, um nur kurz darauf in den Spagat zu wechseln oder wiederum lediglich zehn Sekunden später – „lug emol, jetz bin ich en Banaane“ – sich träge über einer Seitenlehne der Couch herabhängen zu lassen.
Carolina, das wurde mir in dieser knapp halbstündigen Unterhaltung klar, war etwas vom Quitschlebendigsten, was mir in den letzten Jahren überhaupt begegnet ist. Alleine für ihr vor lauter Energie vor sich hinsprühendes Wesen, dachte ich mir, hätte sie so etwas wie eine Goldmedaille verdient. Viel beeindruckender fand ich aber noch, dass ich mich kaum erinnern konnte, wann ich zum letzten Mal von jemandem ultraspontan so interessiert zur Kenntnis genommen wurde, ja, mich von jemandem so unmittelbar willkommen geheissen gefühlt hatte. Wie konnte es nur sein, dass mir ein kleineres Kind vor Augen führte, wie leicht eine Kontaktaufnahme zu einem fremden Menschen eigentlich verlaufen und dass dabei ein völlig unkompliziertes Gespräch in Gang kommen konnte.
„Hilfsch, dass du mim Brüeder und mine Eltere saisch, dass ich am Schloofe bin“, fragt Carolina mich zum Abschluss unseres Austausches verschmitzt, als wir bereits hören, wie sich mehrere Stimmen dem Wartezimmer nähern und legt sich sofort „Chrrrrtschipfüüü“ säuselnd der Länge nach hin.
„Klar, warum nid?“, antworte ich schmunzelnd.
„Danke viel mool“, haucht mir Carolina mit bereits geschlossenen Augen noch zu, bevor sie mir mit ihrem Stoffschaf in der Hand ein finales „Ade“ zuwinkt.