Verleser zum Siebten

  • Post published:5. April 2026

Überall stehen sie rum. In Gärten, Schaufenstern, Ladenregalen und in Körbchen zuhause auf dem Ess- oder Wohnzimmertisch; in Beton gegossen, aus Holz geschnitzt, aus plüschigem Stoff genäht und mit Füllwatte ausgestopft oder und das vor allem in einfallsreich-verschiedenen (Ironie off) Schokoladenformen ausgehärtet: die Osterhasen. Mir ist dabei völlig einerlei, welche Bedeutung diese im ursprünglichen Sinn haben, also, ob sie jetzt als Zeichen für Fruchtbarkeit gelten und den Beginn des Frühlings anzeigen, ob sie in der byzantinischen Tiersymbolik die Auferstehung symbolisieren oder, ob es Boten der griechischen Göttin Ostara sein sollen. Ich persönlich finde sie einfach nur Kacke. Wohl kein Gegenstand steht für mich so sehr für die Perversionen eines heuchlerischen Marketings und unnützem Konsum wie der in Plastik eingeschweisste Schokoosterhase. Dass man zwecks Nachhaltigkeit jetzt immerhin auch in trendy Kochmagazinen offensiv darauf hinweist, man möge doch überalterte Exemplare, die so gut wie in jedem Haushalt einige Monate nach Ostern noch in Vorratskammern rumgammeln, für das Herstellen von Schokobananen oder Brownies missbrauchen, macht die ganze Sache keinen Deut besser.

Es war für mich deshalb mehr als stimmig, als ich eines Morgens, still im Sud meiner düsteren Gedanken zu unserer Wohlstands- und Wegwerfgesellschaft vor mich hingarend, in einen Migros-Supermarkt eintreten wollte und beim Eingang auf eine grosse digitale Anzeige mit einem Assamblé aus krokantigen, weissen, braunen und schwarzen Schokohasen stiess, das mit dem Spruch «Die wollen alle verarscht werden» beworben wurde. «Ganz richtig», schiesst es mir durch den Kopf, «die verdienen nichts anderes, als dass man sie gehörig verarscht, diese scheiss überflüssigen Dinger. Am besten indem man sie so versteckt, dass sie bis ans Ende ihrer Tage niemand mehr findet. Wenns geht, gleich in den Migrosräumlichkeiten selbst.» Dann dachte ich aber unmittelbar an die armen 27 (!) Schokohasen, die ich anno 1988 voller Staunen bei einem Schulkollegen zuhause in dessen Bücherregal gezählt hatte und daran, dass er diese als Beweis von Zuneigung seiner sehr grossen Verwandtschaft gelesen haben musste. Mein Herz schmolz vor lauter christlicher Nächstenliebe dahin und ich feierte den Sieg des Lebens über den Tod, indem ich ein Stück Toblerone vernaschte.