Endstation Lagerhalle

  • Post published:5. April 2026

Es gibt da eine alte Liebe in meinem Leben, von der ich Ihnen gerne berichten möchte: Krimis. Genauer gesagt: nordische Krimis. Gerade in meinen frühen Zwanzigern aber auch jetzt immer mal wieder gerne las und lese ich Bücher etwa von Jo Nesbo, Anne Holt, Henning Mankell, Hakan Nesser, Arne Dahl, Hjorth & Rosenfeldt oder Leena Lehtolainen. Nicht selten interessieren mich die menschlichen Abgründe eines Ermittlers oder einer Ermittlerin im Verlauf ihrer verschiedenen Fälle so brennend, dass ich – nahe an der Zwänglichkeit – ganze Serien in der chronologisch-korrekten Reihenfolge lesen muss. Kehre ich nach Jahren zu so einer Buchreihe zurück, weil es, freu freu, eine Fortsetzung gegeben hat, fühlt sich das für mich wie eine wohlige Heimkehr in bekannte Gewässer an. Soweit die Einleitung.

Jetzt hat es meine Lesevorliebe für Geschichten blutrünstiger Natur im Laufe der Zeit aber geschafft, auch meinen Geschmack für Filme zu beeinflussen. Mein Nervensystem ist zwar alles andere als für Actionthriller ausgelegt, aber ich kann mich halt nur schlecht dagegen wehren, dass ich harte Zweikämpfe, fantasievoll inszenierte Verfolgungsjagden oder den elegant-terminalen Einsatz von Handfeuerwaffen ziemlich cool finde. Ich bin da simpel gestrickt. Solange die Guten gewinnen, gleicht meine Gefühlslage nicht schlecht derjenigen, die ich habe, wenn ich Legolas in The Lord of the Rings bei der Schlacht um Helms Klamm dabei zusehen darf, wie er auf einem Uruk-hai-Schild die Treppen runtersurft und dabei mit Pfeilen genüsslich hässlich-böse Orks meuchelt. Jihaa!

Allerdings haben viele der 0815-Spannungfilme auch eine entscheidende Schwachstelle: Der total gurkenmässig inszenierte Schlussakt. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich dieser in einer Lagerhalle in Hafennähe abspielt, sie ist beklagenswert gross. Dies hat zur Folge, dass wir TV-Konsument:innen immer und immer wieder von Neuem dabei zusehen müssen, wie die Protagonist:innen über irgendwelche hängenden Gitterrostwege rennen, dabei Gewehr- und Pistolenkugeln an den flankierenden Geländern, an Hochregalstützen oder Schwerindustriemaschinen abprallen, wie zähe Burschen und taffe Heldinnen, wenn sie leergeschossen sind, zum Messer oder roher Muskelkraft greifen, um die Bodyguards der Drogen-, Waffen-, oder Geldwaschbosse zu erledigen, bis schliesslich, durch den Kugelhagel ausgelöst, irgendwo ein rasch um sich greifendes Feuer ausbricht, welches – nomen est omen – das ultimative Finale einläutet. Da die Westernzeit schon lange vorbei ist, reitet der heftig durchtrainierte Hauptdarsteller dann nicht mehr von schwermütiger Banjomusik begleitet lone-some-cowboy-mässig traurig aber mit sich im Reinen in den Sonnenuntergang, sondern stapft hinkend mit grimmigem Blick, mit blutiger Schnatte über dem linken Wangenknochen, mit leicht angesengtem Haar und hübsch angekohlten Kleidern aus dem rauchenden und brennenden Inferno hervor. Seine Begleitcrew atmet erleichtert auf, lächelt verschmitzt (wir haben es doch gewusst, dass der das schafft, der schafft das immer, dieser Teufelskerl, dieser!) oder feiert spontan johlend, die Waffen gen Himmel streckend, dessen x-te Wiedergeburt. Die Frau, die sich im Verlauf des Films in die Hauptfigur verliebt hat (zuerst war man sich selbstredend spinnefeind – es lebe der prickelnde Spannungsbogen) rennt auf ihn zu, wirft sich ihm an den Hals und sie küssen sich innig (als ob diese Verbindung danach ewig währen würde – es ist einfach nur lächerlich). Im Hintergrund läuft eine schmachtende Streichermelodie à la Hans Zimmer. Alles ist gut. Happy End. Es ist zum Verrücktwerden!

Also, schreiben Sie jetzt den Hollywood-Drehbuchautor:innen einen bösen Brief mit dem Hinweis, dass sie sich bei ihrer Arbeit in Zukunft doch bitteschön mehr von den fein gesponnenen Ausklängen nordischer Krimis inspirieren lassen sollen oder möchten Sie das lieber mir überlassen?