Portemonnaie, gross

  • Post published:25. März 2026

An der Lidl-Kasse im pittoresken Städtchen Burgdorf: Ich stelle mein ziemlich voll beladenes Rollkörbchen auf den Ablagetisch, der sich vor der Kasse befindet und atme, weil mich das gefühlt ewig dauernde Rumgesuche zwischen den Warenregalen geschlaucht hat, geräuschvoll aus. Gerade in dem Moment als ich noch denke, dass ich wieder mal eine arme Sau mit zu grossem Rucksack bin, schaue ich mir die himalayaesken Ausmasse des Einkaufs an, den die siebenköpfige Familie vor mir soeben aufs Förderband gestapelt hat. Mein Anflug von Selbstmitleid löst sich unmittelbar in Luft auf, denn die Situation, so wird mir nun bewusst, sie könnte um ein Vielfaches schlimmer sein. Beim Überblicken des quergelegten Warendöners winde ich der zierlichen Dame, die ihren Laden (also ihre fünf Kinder und ihren sanftmütig dreinschauenden Ehemann) mit zackigen Anweisungen eisern Griff hatte, als nichtzertifizierter Ernährungsberater ein Kränzchen: Ein Rausch an Gemüse und Früchten im regenbogenfarbenen Spektrum, für die Deckung der Proteine ein schicker Mix zwischen magerem Fleisch (diverse Pouletprodukte), Soja-Ghacketem, Vergi-Würstchen, Hülsenfrüchten (Linsen & Kichererbsen) und vier Kanistern griechischem Joghurt sowie, ein bisschen Sünde darf sein, zwei gnädige Pack Vollkornguetzli. Ich überschlage kurz die Kosten und schätze, dass die einwöchige Ernährungssicherung dieses Mini-Clans 244 Hebel kostet. Ich liege lediglich elf Stutz daneben und will mir soeben für mein gutes Gschpüri gratulieren – ich habe eben an kleinen Dingen Freude – als die Mutter aus ihrer geblümten Lederhandtasche (farbige Tulpen auf weissem Grund) ein mintgrünes Objekt zieht, das aussieht wie die Lederhülle eines 17-Zoll-Laptops. «Ritsch-Ratsch» öffnet sie den Reisverschluss und nimmt eine neben diesem riesigen Etui geradezu winzig anmutende Kreditkarte hervor. «Aha, so», dämmert es mir jetzt, «das muss also ihr Portmonee sein? Nein, Sachen gibt’s!», um im Anschluss, als die Frau den Lederlappen mit Ach und Krach wieder in ihrer Handtasche versorgt hatte, gleich weiterzudenken: «Wieso denn so umständlich? Dieses Doppeltgemoppelte könnte sie doch spielend leicht umgehen, indem sie entweder ihr Portmonee mit einem Bändel versehen würde und dieses dann umhängen könnte oder, noch besser, indem sie ganz einfach die Kreditkarte in ihrer Handtasche mitführte?» Es folgten in meinen Gehirnwindungen einige weitere nicht allzu sortierte und substanzhaltige Wieso-, Weshalb- und Warums zu den Themen Grossfamilie (was für einen SUV fahren die ächt?), Geldwesen (soll ich meine Bankkarte endlich auf mein Handy spitzen?) und Discountervibe (warum riecht es hier immer so intensiv nach Chemie?), als ich unmittelbar vor dem Ausgang beim Kaffeeautomaten stehen blieb, seufzte, den schweren Rucksack auf den Boden stellte, einen Einfränkler aus meiner handlich-kleinen Freitag-Börse klaubte, diesen einschob und die Taste: «Kaffee, gross» drückte.