Leben in GROSSBUCHSTABEN

  • Post published:22. Juni 2026

An einem frühen Morgen im Zug nach Bern. Wer nicht schlaftrunken teigig dreinschaut oder einen Lätsch zieht – another day in office-paradise wartet schliesslich darauf, in Angriff genommen zu werden – der guckt mit Geierhals auf den Sklaventreiber unserer Zeit, das Handy. Gespräche unter den Zugpassagieren, irgendwelche winzigen Zeichen von Lebensfreude oder Heiterkeit: Fehlanzeige. Glücklicherweise ist das dem circa dreijährigen Mädchen mit blondem Wuschelkopf einerlei. Kaum im Zug drin, reisst es sich von der Hand ihres Vaters los und rast zur automatischen Schiebetüre, welche die 1. von der 2. Klasse trennt. Dort drückt es konzentriert den orange leuchtenden Öffnungsknopf und informiert, begeistert in Grossbuchstaben sprechend, was es beobachtet hat: «LUG MAU, PAPA, WENN IG HIE FESCHT AUF DÄ KNOPF DRÜCKE, DE GEIT DIE TÜRE UUF! HESCH DU DAS GSEH, PAPA? DU MUESCH ABER SCHO LUEGE, PAPA. PAPA?» Der Vater, der sich neben seine Partnerin gesetzt hat, die in einer Babytrage das kleine Geschwisterchen des jungen Mädchens mitführt, lächelt verschüpft, nuschelt ein: «Pssssst, Emma, aso würklech. Prima, iu, d Türe funktioniert tadulos, hmhm. Wosch itze nid zu üs cho höckle, he?» Aber das Mädchen, es lässt sich auf keine Art und Weise von ihrem Forscherdrang abbringen und posaunt fröhlich weiter: «NÄ-Ä, WIESO? LUEG NUME, WENN IG SCHO NUME Ä CHLI WENIGER DRÜCKE, DE GEIT DI TÜRE IM FAU NÜMME UF. SIE GEIT EIFACH NID AUF! HESCH GSEH? ABER ITZÄ, SO, MIT EM DUUME, WENN IG MIT EM DUUME FESCHT DRÜCKE, DENN, TA-DAA!» Da einige Zugpassagier:innen bereits genervt mit ihren Augen zu rollen beginnen, schaltet sich jetzt auch die Mutter ein und ermahnt, im Wissen darum, dass Herr und Frau Schweizer die Grabesstille im Morgenzug als eines ihrer unverhandelbarsten Lebensqualitätskriterien verstehen, ihr Mädchen noch einmal, sich doch bitteschön in normaler Lautstärke mitzuteilen beziehungsweise – «pssst» zum Zweiten – jetzt endlich zu schweigen. Das Mädchen runzelt pikiert die Stirn, hat dann aber eine unschlagbare Idee, wodurch sich ihre Gesichtszüge sofort wieder aufhellen. Mit der Zungenspitze im Mundwinkel drückt es nun fest auf den Türknopf und verabschiedet sich mit einem: «ADE MAMA U PAPA. IG GA ITZ MAU GA LUEGE, WIE‘S WITER VORE USGSEHT, GÄU? BIS SPÄTER, TSCHÜDELÜHÜÜ.» Schwupps, fort ist das Mädchen. Die durch schlechte Nächte beängstigend stark beaugenringten Eltern atmen erst einmal geräuschvoll aus, bevor sie sich ein Lächeln nicht verkneifen können und der Vater sich, ganz der elterlichen Pflicht gehorchend, auf Verfolgungsjagd begibt, um nach dem Rechten zu schauen.

Ich selbst finde den Auftritt des Mädchens Weltklasse, denn er holt mich sowas von aus meinem verbohrten Gedankenkarussell raus. Zudem muss ich mich der unangenehmen Frage stellen, wo denn nur mein eigener kindlicher Entdeckergeist geblieben ist? Wo die Leichtigkeit? Wo die Freude an den kleinen Dingen dieser Welt oder und das vor allem: wo die unbändige Lust am Staunen? Denn ist es nicht so, dass ich seit ich in der Erwachsenenwelt angekommen bin, eigentlich andauernd am Regulieren, Kontrollieren, Steuern und Lenken bin, weil ich denke, dass dies halt mein Vorankommen im Alltag halbwegs garantiert und von der Gesellschaft auch ein wenig von mir verlangt wird? Käme ja auch niemand auf die Idee, zu behaupten, dass das Absolvieren einer Ausbildung oder die Ausübung vieler Tätigkeiten im Job ohne eingeschalteten Verstand oder ohne Anwendung von abstraktem Denken möglich ist. Das gleiche gilt auch für den ganzen sonstigen administrativem Klimbim, wie zum Beispiel dem Ausfüllen einer Steuererklärung etwa oder der kleinteiligen Organisiererei rund um das Familienleben.

Aber sonst? Davor und danach? Oder dazwischen? Oder überhaupt? Da doch eben gerade nicht! Hallo? Was für eine Sackgasse es doch ist, sich im Verstand (und damit in Problemen, die früher mal welche waren, jetzt aber nicht mehr welche sind oder solche, die zukünftig vielleicht mal welche sein könnten, es jetzt aber ebenfalls noch nicht sind) zu verlieren! Heisst für mich im Umkehrschluss: Wenn ich es ums Verreckä schon nicht schaffe, im Alltag in GROSSBUCHSTABEN explorativ die Welt zu erkunden wie dieses Mädchen im Zug, sollte ich dann nicht wenigstens damit beginnen, in GROSSBUCHSTABEN zu denken?

IM MINIMUM!