Verleser zum Siebten

  • Post published:10. Oktober 2026

Kurz vor den Sommerferien stand ich an einem Morgen an der Bushaltestelle Ostermundigen Bahnhof und tat gerade nichts ausser Warten und Vor-mich-hinglotzen, als ich auf der gegenüberliegenden Strassenseite an einem hübsch restaurierten Sandsteinmäuerchen in roter Signalfarbe hingesprayt folgende Message las: „NO 67“ (six-seven). Das fand ich stimmig. Endlich getraute sich da nämlich jemand öffentlich, sich gegen den unsäglich stumpfen TikTok-Trend zu stellen, der sich unter Jugendlichen so hartnäckig zu halten schien, dass ich schon befürchtete, dass er sich auf immer und ewig in unsere Alltagssprache integrieren würde. Hilfe!

Wenn 6-7 wenigstens für etwas Genaues stehen oder etwas treffend formulieren oder herrlich schief in einen neuen Kontext stellen würde, würde ich ja an dieser Stelle nicht reklamieren, dazu feiere ich den Jugendslang ja bekanntermassen viel zu sehr. Aber wenn zwischen einem Matheresultat, einer Seitenzahl in einem Lehrmittel oder einer ungefähren Menge von irgendeinem Gegenstand kein Unterschied zur Bezeichnung der Gemütsverfassung „soso lala“, zu einer Aussage, die lediglich ein Gruppengefühl herstellen soll („ich bin im Fall voll einer der Eingeweihten“, juhee) oder einem pseudo-spielerischen Protest gegenüber der Erwachsenenwelt gemacht wird, Hauptsache bei allem kann die Gebärde „öppe“ reingestreut werden, Oberhauptsache: „Gröhl“, Oberoberhauptsache: „Eh egal, Beliebigkeit siegt“, dann ist das ganz schön meschugge. Yes, 6-7, dieser abgestandene Social-Media-Furz, er gehörte verbannt und so zückte ich mein Handy, um den symbolischen Protest an der Wand zu fotografieren. Das Bild wollte ich unbedingt meinem Sohn schicken, der mir als Basketballliebhaber erst gerade eine Woche zuvor en detail erklärt hatte, woher der Hype eigentlich stammte und wie sehr sich das Ganze verselbständigt hatte.

Nun, je länger ich das Bild dann auf dem Display betrachtete, desto klarer wurde mir, dass das da nicht etwa das Resultat eines revolutionär-engagierten Elternrates war, dem die edukativen Sicherungen durchgebrannt waren, sondern irgendwelche links-autonome Kreise ausserhalb ihres innerstädtischen Perimeters ihr Unwesen getrieben hatten. „NO G7“ sollte es also heissen und ich fand immerhin die Vorstellung lustig, wie die Staatsoberhäupter Macron, Merz und Meloni in Evian hinter dem Rücken von Trump empört darüber spekulierten, wie lange dieser von diesem Irren angezettelte, verdammt stupide, völkerrechtswidrige Irankrieg denn noch anhalten würde und dabei mit einer schaukelnden Handbewegung ein „maybe 6- 7“ signalisieren würden.

P.S: Wochen sind es dann nicht geworden. Monate scheinen trotz regelmässig aufgewärmter gegenteiliger Behauptungen des amerikanischen Präsidenten ambitioniert. Jahre sind nicht ausgeschlossen. Hoffen wir doch auf eine Veränderung mit den sehr bald anstehenden Midterms.

In sechs oder sieben Tagen.