Ich nippe an einem Cappuccino und schaue mir in einer bestuhlten Nische sitzend das geschäftige Treiben im ebenerdigen Migros-Teil der Welle 7 am Bahnhof Bern an. Ursprünglich hätte dieses Gebäude als Co-Working-Space und multifunktionell einsetzbare Ladenfläche ja zum letzten Schrei des modern-mobilen Stadt- und Arbeitslebens werden sollen. Wie man sich täuschen kann! Nach ein paar Jahren Laufzeit macht die Bude als Ganzes nämlich eher den Eindruck, als sei sie mit ihrem Konzept krachend gescheitert. Immerhin brummen am Morgen aber die Gipfeli- und Kaffeetanksäulen ordentlich. Mittendrin im Sich-schnell-versorgen-Pulk erblicke ich zwei AdA’s, also Angehörige der Armee in ihren Vierfruchtpyjamas. Anhand ihrer Dienstgradabzeichen und wegen ihren faltenfrei, perfekt sitzenden Uniformen, sehe ich sofort, dass es sich bei diesem eher jüngeren Duo – einmal Mann, einmal Frau – um Berufsmilitärs handelt. Aber es sind nicht nur ihre in der Mukibude gestählten Körper und ihre langen, ultrastreng nach hinten gekämmten und geflochtenen Haare (ja, bei beiden), sondern ihre verkrampft zur Schau gestellten mürrisch-strengen, scheinbar zu allem entschlossenen Minen, die mich erheitern. Steven Seagal hätte das in keinem seiner unzähligen B-Movies, wieder einmal alleine gegen eine Horde wilder, nordkoreanischer Legionäre kämpfend, besser hingekriegt. Das Fazit ist ernüchternd: Seit meiner Rekrutenschulzeit hat sich im Schweizer Militär ganz offensichtlich wenig geändert: Sehr viel Schein gepaart mit sehr wenig Substanz. Es mag sein, dass die Grenadiere oder die Aufklärer im Kriegsfall tatsächlich einen Mehrwert im maximal zweiwöchigen Guerillakampf, bis zur bedingungslosen Kapitulation bringen würden (sorry, etwas anderes liegt nicht drin: zu klein das Land, zu wenig eingebunden in grenzübergreifende Kooperationen mit anderen Ländern, zu gering der Soldat:innenbestand und vor allem – dazu später mehr – zu schlecht ausgerüstet und miserabel ausgebildet das Heer). Der Rest: Kümmerliches Kanonenfutter. Und warum? In den 18 Wochen Grundausbildung geht es in erster Linie darum, Kadavergehorsam zu erlernen und wenn möglich, andere mit dem eigenen Gewehr nicht zu gefährden. Mehr ist da nicht. Ganz schön peinlich, wenn einem gefühlt sogar eine hundskommune Pfadi punkto Know-how und punkto Erlebnisse, die sie verspricht, um Meilen voraus ist.
Und schon bin ich mittendrin in einem Erinnerungsschwall, zurück im Sommer 1997, in der mit hohen Zäunen und Stacheldraht abgeschotteten, an einen Knast erinnernden Kaserne Dübendorf. Wieso ich damals innerhalb der ersten drei Wochen, schon nur wegen diverser psychischer Probleme, nicht den Bettel hingeschmissen und mich in den Zivildienst verabschiedet habe, ist mir bis heute ein Rätsel. Vielleicht liegt es daran, weil meine beiden Grossväter in der Schweiz und in Holland im Militär höhere Positionen bekleidet hatten und ich mir unbedingt ein eigenes Bild von der Armee hatte machen wollen. Vielleicht aber auch an meinen Leidensgenossen, auf die ich vor Ort traf, denn diese waren, retrospektiv betrachtet, das einzig Normale in diesem Verchleiderlizirkus. Für einmal – vielleicht das einzige Mal – hatte die Armee mit ihrem Standpunkt auch recht, was sie sich als Benefit für die jungen Schweizer Männer auf die Fahne schreibt: Du triffst auf Jungs aus allen Gesellschaftsschichten und gehst mit ihnen durch dick und dünn.
Da standen wir also im Halbkreis, wir Birrers, Brandeleros, Dünneisens, Felbers, Hunzikers, Auf der Maurs, Anklins, Bretschers oder eben Bolligers und liessen uns von der unterirdischsten Dumpfbacke der Welt, einem Thurgauer Leutnant namens Peter, rumdrangsalieren. Wie die anderen Leutnants war er, der frisch geschliffene Offiziersschulabsolvent, so richtig heiss aufs Befehlen und machte pausenlos einen auf dicke Backe. Ich verstehe schon, dass es im ganzen Armeebetrieb eine bestimmte (Hack-)Ordnung braucht aber es würde sicherlich nicht schaden, bei der Auswahl der Vorgesetzten wieder vermehrt auf Qualitäten wie Persönlichkeit und natürliche Autorität zu setzen. Ich möchte nichts verklären, aber wenn ich mir so die Erzählungen meines Vaters und Schwiegervaters anhöre, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass das vor 50 Jahren, als wer im Beruf Karriere machen wollte, auch in der Armee einen bestimmten Rang bekleiden musste, noch anders ausgesehen hat. Da dürfte die Führungsriege mit wesentlich helleren Köpfen bestückt gewesen sein, denen der Begriff «gesunder Menschenverstand» nicht fremd war. Aber in meiner RS? Fehlanzeige! Aufgeblasene Milchbubis, die im Privatleben nichts auf die Kette kriegten, durften sich, vom Staat legitimiert und bezahlt, in geschlossenem Rahmen in Leadership üben. Sah man genauer hin, musste man zum Schluss kommen, dass die Befehlsbefugten quasi aus den Restbeständen eines qualitativ minderwertigen Ersatzteillagers rekrutiert wurden. Das konnte nicht gut kommen. Unser, also der Widerstand der Rekruten, gegen unlogische Prozesse, die zelebrierte Grossspurigkeit der Spaghettiverzierten und den konstanten absurden Leerlauf war gross. So hüpften wir, an den Bettenden im Achtung stehend (vorne im Gang fand der Appell statt, auf den Fluren patrouillierten die Korporale) immer wieder von Bett zu Bett (was schlussendlich eine nächtliche Strafaktion zur Folge haben sollte), Rekrut Bischofberger, der später an der ETH Physik studieren sollte, stellte während einer Schulung einen Hauptmann vor der ganzen Kompanie bloss, indem er ihm in einem fein säuberlichen Kurzabriss die Unterschiede zwischen einer Uran- und einer Plutonium-Atombombe darlegte, da dieser auf die Frage eines Rekruten nur mit einem spärlichen „Äääääh“ hatte anworten können oder wir liessen uns, wenn Flieger unsere schlecht getarnten Beobachtungsposten fotographierten, mit unseren entblössten Ärschen ablichten.
Das alles war aber noch weniger schlimm, als täglich damit konfrontiert zu werden, wie rückständig die Armee ausgerüstet war und wie unterirdisch schlecht die Ausbildung zum Soldaten verlief. Auf unseren Posten mussten wir zum Beispiel Meldungen zu einer potentiellen feindlichen Bedrohungslage mit dem MEG82 (Meldegerät aus dem Jahr 1982!) über Telefonleitungen in die Befehlszentrale schicken. Das MEG82 war ein klobiger Computer, mit einer Walze, die verschiedene Meldefunktionen beinhaltete. Trockengeübt wurde dann mitten in der Nacht bei Kerzenschein, indem man ein Couvert aufriss, in welchem auf A4-Papieren angreifende Panzer- und Fliegersilhouetten dargestellt wurden oder von Truppenverschiebungen oder – den höchsten potentiellen Gefahren – einem Staudammbruch beziehungsweise einer Kernschmelze die Rede war, die man korrekt zu verschlüsseln hatte. Nehmen wir an, eine MiG-29 kam, sagen wir doch wegen der aktuellen geopolitischen Gegebenheiten korrekterweise, von Osten her, dann musste man zum Beispiel «feindlicher Flieger» = Taste 2, «von Osten» = Taste 2, «Richtung Westen» = Taste 4 kodieren. Enter. Aber was zum Geier konnte so ein rückständiges Kommunikationssystem bitteschön für eine Relevanz für die eigene Luftwaffe haben? Denn A: Die MiG-29 legte doch so einen Furzposten in Schutt und Asche, bevor die darin stationierten Soldaten «Scheisse» buchstabieren können und war B: nach erledigtem Auftrag (z.B. Zürich bombardieren) schon längst wieder über die Berge, bevor sich eine unserer F/A18s dazu bequemen könnte, die Verfolgungsjagd aufzunehmen. By the way trug zu dieser Zeit bereits jeder Lefti ein Dienst-Nokia 6110 auf Mann und war alleine damit doch der um ein Vielfaches potent-mobilere Infoposten, als wir Beobachter unter den Tarnnetzen oder in den temporär angelegten Holzbünkerlis. (Ja, ja, ich weiss schon: Handyantennen wären sich eines der ersten heiss geliebten Ziele eines Feindes, darum braucht es Alternativen. Nur: Sind stationäre Masten und Drahtverbindungen tatsächlich stabiler? Nein!)
Was wir erlebten, war nicht mehr und nicht weniger als ein gigantisches Beschäftigungsprogramm und dieses hinterliess bei mir persönlich das ungute Gefühl, dass in diesem Verein unnötig und in rauen Mengen Steuergelder verschleudert werden. Wissen Sie, da können in Anbetracht des schrecklichen Ukrainekrieges die Beschaffungsgelüste gewisser hoch dekorierter Herren noch so berechtigt sein, sieht und erlebt man, wie dilettantisch der Staff agiert, der die Menschen dabei anleiten sollte, diese Geräte dann auch erfolgreich zum Einsatz zu bringen, dann ist einfach eine gesunde Skepsis gegenüber Rüstungskäufen angebracht. Beispiel gefällig? Adjudant Ellenberger (Spitzname «HeliEli»). Eigentlich für die Ausbildung des Kaders zuständig, liess er sich im Dienstwagen oder eben per Helikopter gerne überall hinchauffieren oder hinfliegen, wo die Truppe gerade stationiert war. Kaum war er da, war er auch schon wieder weg und hinterliess mit seinem pausenlosen Unterwegssein den Eindruck, dass er bis aufs Rumfahren, keine wirklich tragende Funktion innehatte. Ah doch, er korrigierte oft und gerne zu schlappe Grüsse an der Schranke zum Kasernengebäude. Das wars aber auch schon. Es ist schwer zu beschreiben, was für eine Lachnummer dieser Mann abgab. Den konnte wirklich niemand (auch seine durch ihn ausgebildeten Männer) auch nur halbwegs ernst nehmen. Er war der Kermit in der ganzen Muppetshow dessen Leistungsausweis einzig und alleine aus seinem Rangabzeichen am Revers bestand. Wenn er sprach, griff bei allen die Fremdscham um sich, so inhaltslos war das Gesagte, so wirr seine scheinbaren Anweisungen. Aber Hauptsache zum Schluss wurden ordentlich die Hacken aneinandergeknallt, dann war für ihn alles in Ordnung.
Jetzt: Wie ist sowas möglich? Ganz einfach: Je höher man im Rang steigt, desto mehr wird gegenüber Vertretern noch höherer Ränge versucht, den Eindruck zu vermitteln, dass alles bestens sei, der Laden reibungslos laufe, professionell gearbeitet werde, die Truppe motiviert sei, undundund. Alles wird auf Schein hochpoliert. Am besten sieht man das, wenn ein Hochdekorierter eine Truppeninspektion durchführt oder ein Besuchstag für die Angehörigen der Rekruten ansteht. Da wird gewienert, gestrahlt, gelächelt und korrekt alles Stehende in Linien ausgerichtet, was das Zeug hält. Auf Biegen und Brechen wird Abenteuer, Einsatzfähigkeit und Kameradschaft vorgegaukelt. Sogar Leftis schenken dir an diesen Tagen das falscheste blitzsaubere Lächeln dieser Welt, Würg. Es ist eine durch und durch verlogene Scheinwelt und eine Musterlektion in Speichelleckerei (der Oberleutnant will schliesslich Hauptmann werden, der Hauptmann Major undsoweiterundsofort). Irgendwann stumpften wir Rekruten ab (Ziel erreicht), kapitulierten, wenn auch nicht vollumfänglich, gegenüber diesem rigid-repressiven System. Als Einblick, wie sich das Leben in einem Land mit totalitärem Regime anfühlen musste, taugte das Ganze aber vorzüglich. Es war grauenhaft.
Dabei, und das meine ich ernst, hätte der Laden doch durchaus Potential. Würde man den Soldaten spannende und herausfordernde Aufgaben geben, die sie innerhalb einer Schicksalsgemeinschaft (Truppe, Gruppe, Zug) und mit flexibleren sowie flacheren Hierarchien in möglichst kurzer Zeit lösen müssten, wäre viel gewonnen. Der durchaus harte, in einer klirrendkalten Novembernacht durchgeführte 50-Kilometermarsch zum Abschluss der Rekrutenschule nach zwei Tagen mit sehr wenig Schlaf, empfand ich selbst als äusserst interessante physische Herausforderung. Erlebnisse dieser Art hätte ich gerne mehr gehabt. Zu lernen, sich mit rudimentärsten Hilfsmitteln im Gelände zu orientieren oder ohne grosse Versorgung in der Natur ein paar Tage lang zu überleben, wäre auch nicht so falsch gewesen. Aber anstelle des Einsatzes von Hirn und Herz wurde man lediglich mit einem Übermass an Stur- und Stumpfheit konfrontiert. Diese strikte Verweigerung, das zwischenmenschliche, handwerkliche oder intellektuelle Potential der eigenen Soldaten sich zu eigen zu machen, das war und ist Dummheit im Quadrat und alles andere als modern. Ich war nach der RS satte fünf Kilo schwerer, hatte erheblich an Fitness eingebüsst und musste mich über einen mehrere Monate dauernden Zeitraum von diesem total lebensverachtenden Ablöscher erholen. Es war ein regelrechter Kampf, wieder zu einem gesunden, alle Emotionen zulassenden Alltagsmodus zurückzufinden.
Etwas Gutes hatte die Zeit in Dübendorf aber dennoch. Ich lernte einen Menschen kennen, den ich seit nunmehr 28 Jahren als «guten Freund» bezeichne. Ich spreche ihn noch heute mit «Fidel» an, weil wir ihm im Zug Peter bereits nach kurzer Zeit diesen Spitznamen verliehen hatten. Mit seinem struppigen Bart, den er sich nicht hatte verbieten lassen, seinem unnachahmlichen Schnelldenkertum sowie seinen pointierten Provokationen gegenüber dem Kader hatte (und hat er eigentlich heute noch) tatsächlich etwas Revolutionäres an sich. Nie und nimmer möchte ich diese Bekanntschaft missen, notabene inklusive der perfekten Habachtungsstellung, die wir einnehmen, wenn wir uns mal wieder treffen, den lustigsten Beob-Berichten, die wir uns von Auslandreisen zuschick(t)en (der Feind ist schliesslich überall) oder den unzähligen Militärgrussemojis, mit welchen wir unsere Whatsapp-Nachrichten jeweils zu signieren pflegen.
RS sei Dank.