Kurz nach Ausbruch der Corona-Pandemie machte ich mich im Sommer 2020 auf die Suche nach einem Medizinischen Masseur. Im Internet wurde ich rasch auf einen Therapeuten aufmerksam, der in der Lorraine praktizierte und so buchte ich mittels seines zur Verfügung gestellten Online-Kalenders einen Termin für den darauffolgenden Tag. Ich traf auf einen Mann vielleicht Mitte Dreissig, nennen wir ihn an dieser Stelle doch Mischu, der mir auf Anhieb sympathisch war. Sei es, weil er aus dem Entlebuch stammte und etwas Vierschrötiges an sich hatte, sei es, weil er sich aus persönlichem Antrieb wie auch von Berufes wegen intensiv mit fernöstlichen spirituellen Praktiken beschäftigte, sei es, weil er wegen eigener Hautprobleme nur noch mit Kokosfett knetete. Mischu wollte, dies schickte er beim Erstgespräch gleich voraus, in seine Arbeit nebst seinem medizinischen Fachwissen seine Intuition einbringen und so war es tatsächlich verblüffend, wie er immer – und damit meine ich bei jeder einzelnen Bewegung – wusste, in welcher Gewebezone er mehr Druck ausüben und in welcher er sich zurückzuhalten hatte. Nie spulte er halbwegs gelangweilt irgendein Standardprogramm runter, jede Massage war absolut einzigartig. Mischu hatte wahrlich goldene Hände und blühte in seiner Tätigkeit jeweils so spürbar auf, dass die ganze Stimmung im Raum ins Butterflockigweiche zu kippen drohte.
In den unteren Stockwerken von Mischus Bewusstsein jedoch, dort brodelte es gewaltig. Wir hatten rasch so einen guten Draht zueinander, dass er sich mir anvertraute und mir von seinen seelischen Abgründen und seinen chronischen Schlafstörungen erzählte. Als Eigenbrötler, wie er sich selbst beschrieb, der es trotz seiner Arbeit nicht einfach hatte, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und der gegenüber der konventionellen Schulmedizin kritisch gewisse Vorbehalte hatte, traf ihn die Pandemie doppelt hart. So berichtete er mir, wie er im Zug und in Geschäften die Gesichter der Menschen nicht mehr lesen könne und dass er, wir machen einen Zeitsprung auf Anfang 2021, die Fast-Verpflichtung zur Turbo-Impfung persönlich als ungeheuren Druck empfinde. Weiter, erklärte er mir, schiesse er sich abends lieber mit einem Joint ab, als weiterhin als Antidepressiva-Versuchskaninchen-Zombie durch die Welt zu wandeln. Er habe in ultralangen Versuchsphasen so ziemlich jedes auf dem Markt verfügbare Medikament ausprobiert und sich dabei nur immer mehr von sich selbst entfernt. Mischu war aber bei Weitem kein Jammeri, im Gegenteil. Er interpretierte harte Zeiten explizit als spannende Herausforderungen, die man mit offenen Armen willkommen heissen und annehmen müsse. Tue man dies nicht, würde man die besten Gelegenheiten verpassen, um das Leben mit all seinen Facetten zu erfassen, was doch jammerschade wäre. Auch war er im Gespräch selten durch seine eigenen schwarzen Wolken absorbiert, nein, vielmehr zeigte er sich, wenn ich auf der Liege lag, als überdurchschnittlich empathischer Mensch. Er versuchte intensiv, seinen Teil zur Ursachensuche beitragen, indem er die ihm bekannten physischen und psychischen Trigger meiner Erkrankung aufzählte und erläuterte – eine Kunst, die gerade und leider sehr, sehr viele Ärztinnen und Ärzte nicht beherrschen (Fibromyalgie und ME/CFS gelten immer noch als rein psychosomatische Erkrankung – wer jüngste Pubmed-Artikel liesst, sich seit Jahren verfügbare Laborparameter des fortschrittlichen IMD-Instituts in Deutschland anschaut, die Licht ins Dunkle bringen können und an all die im Stich gelassenen Long-Covidler:innen denkt, die vor ihrem Crash putzmunter durchs Leben schritten, der sieht sich eines Besseren belehrt).
Obwohl sich Mischu in seinem Privatleben oft hoffnungslos und traurig gefühlt haben musste, hatte er dennoch die Fähigkeit, seine Patient:innen immer mit einem Wort der Hoffnung und Zuversicht aus seiner Praxis zu entlassen. Das tönte dann in etwa so: «Musst schauen, Stuwi, wenn Kundalini in dir erwacht, wirst du dich wie ein Phönix aus der Asche erheben. Ich glaube fest daran. Ich weiss, du wirst das schaffen und ich freue mich jetzt schon, dir dann in deinem neuen Seinszustand wieder begegnen zu dürfen.»
Soweit sollte es aber leider nicht kommen. Ab Herbst 2021 musste ich anderen Behandlungsansätzen den Vorzug lassen und als ich nach etwas mehr als einem halben Jahr doch wieder überreif für eine Medizinische Massage war, funktionierte Mischus Webseite plötzlich nicht mehr. Im Netz fand ich beim Googeln den Grund für die eingestellte URL-Adresse. In einer Traueranzeige las ich, dass sich Mischu das Leben genommen hatte.
Immer wenn ich nun in höchstem Masse verzweifelt bin und nicht weiss, wie ich mit den Schmerzen und der unvorstellbaren Erschöpfung umgehen soll, denke ich an Mischu und daran, dass er vorausgesagt hat, dass ich es irgendwann irgendwie schon schaffen werde, meinen Zustand zu verbessern. Und das, das gibt mir Zuversicht, denn ich weiss:
Der Phönix, der wartet auf mich.